Interview: Erfahrungen mit der neuen TRBS 2121-1

Seit Februar 2019 gibt es die neue TRBS 2121-1. Die technische Regel für Betriebssicherheit gilt für die Ermittlung von Maßnahmen zum Schutz von Beschäftigten bei der Verwendung von Gerüsten. Diese TRBS für den Gerüstbauer schließt den Auf-, Um- und Abbau der Gerüste ein. Sie konkretisiert die Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) hinsichtlich der Gefährdung von Beschäftigten durch Absturz.
Für den Horizontaltransport von Gerüstbauteilen ist auf der obersten Lage bei durchgehender Gerüstflucht mindestens ein einteiliger Seitenschutz oder ein Montagesicherungsgeländer zu verwenden. Das vorlaufende Alu-Montagesicherheitsgeländer ist eine gute technische Schutzmaßnahme unabhängig von der Gerüstbelag-Breite, denn es besteht aus nur zwei leichten Bauteilen – Alu-Montagesicherheitspfosten 5,8 kg und Alu-Teleskopgeländer 3,0 kg (siehe QR-Code). Für das zuvor eingehängte Alu-MSG wurde beim Auf- oder Abbau pro Gerüstfeld 15 bis max. 16 Sekunden gemessen. Dies bedeutet für das Umsetzen einen zusätzlichen Zeitaufwand von zwei Minuten bei 20 Lfm. Gerüstlänge.

Nach über zwei Jahren konnten erste Erfahrungswerte im Umgang und in Anwendung gesammelt werden.

Konkrete Antworten auf die Frage, was die TRBS 2121-1 im Berufsalltag verändert hat, haben wir in einem Interview mit Gerüstbau Fr. Schimmer GmbH, Geschäftsführer Frank Schimmer erfahren.

APA: Seit wann gibt es Ihren Betrieb und in welcher Region arbeiten Sie?
F. Schimmer: Unser Unternehmen konnte im vergangenen Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiern. Leider ist jedoch die eigentliche Feier coronabedingt ausgefallen.

APA: Mit welchem Material wird gearbeitet?
F. Schimmer: Wir arbeiten überwiegend mit plettac SL 70/100 Fassadengerüst, contur Modulgerüst und systemfreiem Material.

APA: Wie viele Mitarbeiter montieren im Schnitt die Gerüste?
F. Schimmer: Im Gerüstbau arbeiten wir mit ca. 15 Kolonnen.

APA: Welche Baustellen oder welcher Kundenkreis wird bedient?
F. Schimmer: Wir bedienen im Grunde genommen alle Baustellentypen und Kundensegmente, wobei die klassische Privatkundschaft aufgrund der Spezialisierung eher die Ausnahme darstellt.

APA: Mit welchem MSG-System wird bei Ihnen gearbeitet und gibt es auch Erfahrungen mit einem anderen Montagesicherheitsgeländer, z. B. plettac alte Version?
F. Schimmer: Wir arbeiten mit dem aktuellen plettac MSG und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Das MSG ist praxistauglich und dem täglichen Einsatz auf den Baustellen gewachsen. Andere Systeme haben wir nicht getestet.

APA: Seit wann arbeiten Sie mit dem plettac MSG?
F. Schimmer: Im großen Stil seit Einführung der aktuellen TRBS 2121.

APA: Was sind die Beweggründe/Überlegungen für den Einsatz des MSG in Ihrem Betrieb? Gab es andere Optionen?
F. Schimmer: Die einzige Alternative wäre ein Systemwechsel zu einem Gerüstsystem mit integriertem vorlaufenden Seitenschutz. Die damit verbundenen Problematiken bezüglich der Finanzierung und steuerlichen Gestaltung setzen jedoch hohe Hürden und somit dürfte ein Systemwechsel für die meisten Unternehmen nicht infrage kommen.

APA: Wie wurde bis 2018, also unter der „alten“ TRBS 2121-1 in Ihrem Betrieb gearbeitet?
F. Schimmer: Na ja, so wie es die alte TRBS 2121 und die damals aktuelle Aufbau- und Verwendungsanleitung vorgesehen haben: MSG im Aufstiegsfeld und der Lagenausbau gemäß Variante 2 unter Einsatz der PSAgA in ungesicherten Bereichen.

APA: Wie viele Montagesicherheitsgeländer von welchem Hersteller haben Sie momentan im Einsatz?
F. Schimmer: Wir haben zwischen 600 Lfm. und 700 Lfm. Montagesicherheitsgeländer von ALTRAD plettac assco im Einsatz.

APA: Haben Sie Förderungen der BG BAU für die Montagesicherheitsgeländer beantragt und erhalten?
F. Schimmer: Ja, wir haben Förderungen beantragt und auch erhalten.

APA: Wie ist die Logistik für das Montagesicherheitsgeländer am Lagerplatz, beim Transport und auf der Baustelle? Gab es hier im Laufe der Zeit Änderungen/Verbesserungen beim Handling?
F. Schimmer: Das hängt logischerweise von der Art der Baustelle ab. In der Regel werden die Teile des Montagesicherheitsgeländers in Paletten transportiert. Auf der Baustelle bleibt das MSG nach Montagefortschritt in der jeweiligen Lage, wird jedoch nach Fertigstellung demontiert, abtransportiert und bei der Demontage wieder angefahren.

APA: Gibt es aus Ihrer Sicht Wünsche/Anregungen für die Logistik?
F. Schimmer: Eventuell eine Palette, in der sich die MSG-Teile zusammen lagern lassen.

APA: Wie hoch ist der zeitliche Aufwand beim Einrichten der Baustelle mit MSG? Bzw. bei der Demontage, wenn das Gerüst fertig montiert ist?
F. Schimmer: Der Transport des MSG zur Baustelle stellt logistisch eine Zusatzaufgabe dar. Unterstellt man einen Gerüstbaubetrieb, bei dem die Montagekolonne mittels eines LKWs mit bis zu 7,5 t Gesamtgewicht ihren Materialtransport zur Baustelle selbst organisiert, fehlt der Platz für das eigentliche Gerüstmaterial.

APA: Haben Sie eigene Zeitwerte für den Mehraufwand bei der Montage oder Demontage ermittelt?
F. Schimmer: Ja, wir haben ganz zu Beginn einige Messungen gemacht, um eine erste Einschätzung bezüglich des Zeitaufwandes zu bekommen.

APA: Wie sind Sie bei der Ermittlung der Zeitwerte vorgegangen?
F. Schimmer: Wir haben Gerüstlagen mit verschiedenen Längen von 15 m bis 50 m untersucht und die Zeit für den Horizontaltransport und den Einbau gemessen. Diese Werte haben wir gemittelt und beaufschlagen Sie mit einem Zeitwert für den Höhentransport.

APA: Hohe/höhere Gerüste werden mit Aufzügen beschickt. Das Material braucht immer mehr Zeit, um zur Montagestelle zu gelangen. Genug Zeit für die Monteure, um MSG „nebenbei“ hochzusetzen (Rahmen, Geländer stehen, Böden müssen noch). Das bedeutet kein bzw. geringster zeitlicher Mehraufwand bei der reinen Montage höherer Gerüste mit MSG. Ist diese Aussage für Sie nachvollziehbar bzw. realitätsnah und könnte man dem zustimmen?
F. Schimmer: Das ist meiner Ansicht nach unter Einschränkung richtig. Zusätzliche Arbeitsschritte bedeuten mehr Zeit und mehr Zeit bedeutet höhere Kosten.

APA: Wie hoch ist für Sie der zeitliche Mehraufwand bei der Montage/Demontage mit MSG gegenüber der „althergebrachten“ Bauweise ohne Sicherung?
F. Schimmer: Umgerechnet haben wir einen Zuschlag für Montage und Demontage von ca. 2,00 EUR pro m² Gerüstfläche ermittelt. In diesem Wert ist jedoch die kalkulatorische AfA nicht berücksichtigt.

APA: Bekommen Sie den Mehraufwand aus der Umsetzung der TRBS 2121-1 von Ihren Auftraggebern bezahlt/durchgesetzt?
F. Schimmer: Insgesamt wandelt sich die Einstellung der Auftraggeber zu dem Thema Arbeitssicherheit. Wir und viele unserer Kollegen stellen fest, dass Auftraggeber bereit sind für die Arbeitssicherheit Geld in die Hand zu nehmen. Die Gefahr geht vielmehr von den Gerüstbaubetrieben aus, die sich unter die auskömmlich kalkulierten Angebotspreise legen, auf die Nutzung des MSG verzichten und so versuchen wirtschaftliche Vorteile zu erlangen.

APA: Ist das MSG noch Gesprächsthema bei Ihren Monteuren oder in Schulungen/Firmenbesprechungen?
F. Schimmer: Das MSG wird immer wieder ein Schulungs- und Unterweisungsthema sein. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass die derzeitigen Aufbauvarianten, sowohl in den Gerüstbauunternehmen als auch branchenübergreifend, z. B. bei dem Dachdecker, der sein eigenes Gerüst stellt, zum Standard werden.

APA: Erhöht das MSG die Sicherheit der Monteure?
F. Schimmer: Auch das wird uns erst die Zeit zeigen, wenn verlässliche Daten zur Auswertung bereitstehen. Trotz dieser Unsicherheit steht der Einsatz eines vorlaufenden Seitenschutzes einfach nicht mehr zur Diskussion. Ich vergleiche das in etwa mit der Einführung des Sicherheitsgurtes im Auto. Auch da gab es viele Vorbehalte, die erst im Laufe der Zeit ausgeräumt werden konnten.

APA: Gab oder gibt es Widrigkeiten / Widerstände beim Einsatz MSG bei Ihren Mitarbeitern und wie geht man aus Ihrer Sicht am besten damit um?
F. Schimmer: Um ehrlich zu sein, war die Freude bei den Mitarbeitern über die Einführung des MSG eher verhalten. Hier bedarf es meines Erachtens einem Umdenken von behördlicher Seite. Bis jetzt wurden immer nur die Unternehmen für die fehlende oder unzureichende Umsetzung von Sicherheitsvorkehrungen herangezogen. Sollte sich aber herausstellen, dass ein Unternehmen alles Erforderliche zur Umsetzung von geltenden Vorschriften getan hat, dann aber auf der Baustelle trotzdem Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden, müssten auch die gewerblichen Arbeitnehmer zur Kasse gebeten werden. Diese Auffassung scheint mir aber zurzeit leider nicht umsetzbar.

APA: Wie hoch schätzen Sie die Verbreitung und Anwendung von MSG und anderen Schutzvorkehrungen im Sinne der TRBS in der Region ein?
F. Schimmer: Das ist sehr schwer zu beurteilen. Ein Trend ist aber sicherlich, je größer die Baustelle, desto konsequenter der Einsatz von MSG.

APA: Wie nehmen Sie die aktuelle Rolle der BG BAU und der Arbeitsschutzbehörden in Ihrem Umfeld wahr? Wie wird aktuell agiert?
F. Schimmer: Wir in unserem Unternehmen können uns über die Betreuungsintensität der Behörden nicht beklagen. Für andere Unternehmen und Baustellen möchte ich aber keine Einschätzung abgeben.

APA: Gibt es Aussagen zur Haltbarkeit des MSG? Wie lange ist es nutzbar?
F. Schimmer: Bis jetzt hat es gehalten. Für Aussagen über eine generelle Nutzungsdauer liegen aufgrund der kurzen Nutzungsdauer noch keine Daten vor.

APA: Ist das MSG für Sie eine Übergangslösung oder dauerhafte Möglichkeit, erfolgreich Gerüstbau zu betreiben?
F. Schimmer: Letztendlich könnte das MSG ein Zwischenschritt zu einem System mit einem integrierten vorlaufenden Seitenschutz sein. Meine Hoffnung ist, dass die Branche hierfür nicht Ihren gesamten Materialbestand austauschen muss.

APA: Wie rüsten Sie in 10 Jahren?
F. Schimmer: Wir erwarten einen deutlichen Anstieg beim Maschineneinsatz während der Montagevorgänge.

Hier geht es zum Aufbauvideo:
https://www.youtube.com/watch?v=kZkt_74D-T4&t=4s